Der untenstehende Artikel
wurde uns freundlicherweise von Rainer Brinks, Chefredaktor der
Hundezeitung, zur Verfügung gestellt. Weitere interessante Themen
rund um unseren Freund und Partner finden Sie in der
Hundezeitung.

Rudeltrieb
Das Wort Trieb
hier anzuwenden, mag den Leser erstaunen, der nun weiss, dass dieses
Wort viel Falsches vorgaukelt, was heute alles so als Trieb
bezeichnet wird. Aber hier stimmt es. Denn in einem Rudel zu leben,
ist ein Uranliegen, ein Urbedürfnis von Hunden. Wir isolieren sie
aber, und schaffen damit ein Problem.
Ein Antrieb, den
wir spätestens dann - zu unserer menschlichen Enttäuschung -
erleben, wenn sich unser Einzelhund (meist werden eben Einzelhunde,
entgegen ihrer geselligen Art) gehalten von uns trotz Androhung von
"Strafe" oder Verbots entfernen, wenn sie andere Hunde sehen.
Selbst
wenn sie schon mal beim anderen Hund unerwünscht waren,
beziehungsweise abgewiesen worden sind: es zieht sie unweigerlich
hin zu anderen Hunden. Und zwar vor allem dann, wenn sie Einzelhund
sind. Der Antrieb zum anderen Artgenossen ist stärker als viele
Hundehalter und auch Ausbilder dies wahrnehmen wollen. Mitunter
sogar aus Eifersucht: warum zieht es meinen Hund zu einem anderen
und nicht zu mir?
Ein Hund, der
jedoch bereits in einem auch kleinen Hunderudel aufwächst und lebt,
der hat das nicht mehr so nötig. Es ist also ein ganz ureigener
Antrieb, ein Rudel zu bilden. Siehe auch lebenstüchtige und hundlich
- sozial - sehr artgerecht lebenden Paria, oder Strassen- oder
Streunerhunde. Diese Hunde werden von etlichen selbstsüchtigen -
Tierfanatikern gerne entführt - in einen goldenen Käfig in eine
Wohnung oder einfach andere Verhältnisse, aber meist als
Einzelwesen.

Kein Rudel- oder
Herdentier geht freiwillig aus dem sicheren Rudelverband. Es wird
ausgestossen (Verletzung oder Verlust der Führungsposition).
Entweder haben sie die Chance, sich einem neuen Rudel anzuschliessen
oder sie bleiben Einzelgänger und haben viel schlechtere
Überlebenschanchen, weil sie nicht als Einzelkämpfer ausgerüstet
sind. Das gilt für alle Herdentiere. Haushunde haben im Gegensatz zu
Wildtieren vor "geraumer" Zeit kapiert, dass Menschen ein
komfortables Ersatzrudel bilden können, mitunter drängen "tierliebe"
Menschen sich geradezu als "Retter" auf.
Die Rangposition
bei einer Aufnahme in ein neues Rudel ist so unterschiedlich, wie es
Rudelcharaktere gibt: von tödlicher Abwehr bis Übernahme der "Alpha"-Position.
Diesen Trieb kann
man auch bei einem Einzelhund nutzen und fördern, oder ausgleichen,
indem man ihn oft genug anderen sozialfähig gezogenen Hunden
zuführt. Dann erlebt man wieder, wie sich Hunde selber ordnen und
verstehen. Eine ganz wichtige Grundvoraussetzung für ein
hundegerechtes Leben - für Einzelhunde. Die Ausbildungsstätten sind
da nur ein Beispiel, wie man diesen Mangel zeitweilig und durchaus
problematisch (durch aggressive Reize oder Isolation) beheben kann.
Ich will das
Verständnis für diese ureigenste Lebens- und daher Handlungsweise
des Rudeltiers Hund wieder schärfen.
Ich habe etliche
Male ein freilaufendes, sich nicht immer kennendes Rudel an mich
gebunden, zeitweilig, aber immerhin, wenn ich folgenden Rudeltrieb
ausgenutzt habe: Ich habe die Hunde (die ich mir vorher und vor
allem den Umgang der Besitzer mit ihnen angeschaut habe), wenn sich
eine einigermassen sozialverträgliche Grundordnung, auch eine
oberflächliche, herausgeschnuppert- und kommuniziert hat, von den
Besitzern getrennt. Kein störender Einfluss von aussen.
Das Rudel sich
selber ordnen lassen, bis auf Beschädigungen, da muss man dann
trennen. Ist aber bei einem ausreichend grossen Rudel eher selten,
es sei denn, die Hunde sind zur Asozialität erzogen worden, der Hund
kann hier für nichts.
Die Entfernung
aus diesem Rudel - gegen den Trieb - ist jedoch eine harte
Zurechtweisung, ja eine Strafe für Rudeltiere. Siehe auch
Trennungsangst beim Alleinbleiben-Müssen.
Ich korrigiere
unflätige Welpen in dieser Form höchst selten. Aber wenn sie, wie
zum Beispiel eine drei Monate alte Pitbull-Hündin, sich festbeissen
will in andere Altersgenossen, wie leider häufig bei diesen und zwei
anderen Hundetypen selektiert, dann entferne ich sie auch aus dem
"Spielplatz im Rudel". Ich habe dies von meinem Rüden abgeschaut,
der sich als guter Welpenerzieher - so lange er nicht genervt war -
erwies.
Und von einem
sehr gut sozialisierten Bullterrier-Rüden, der am Tage der Angabe
seinen Wurf nach mal kontrollierte und - wie mein Rüde - einen
unflätigen Welpen mal eben mit dem Fang am Genick aufschnappte und
aus dem Lager heraus absetzte. Wenn es sein musste, so oft, bis der
Welpe nicht mehr aggressiv war.
Ich nahm die
Pitbullwelpenhündin auch am Genick. Ich sagte gar nichts, also auch
kein Verbotszeichen, weil sie dies in ihrer kleinen Aggression schon
nicht mehr wahrnehmen würde, und setzte sie einen Meter neben dem
Spielplatz der anderen Welpen ab - aus vielleicht zwanzig
Zentimetern Höhe öffnete ich die Hand und liess sie den Rest
runterplumpsen. Wie das eben die Hundeeltern auch machten. Bei
Wölfen habe ich das auch gesehen.
Wenn sie wieder
sich ins Getümmel stürzen wollte, hielt ich sie davon ab. Oder ich
hievte sie wieder raus. Bis sie heulte, vor Unsicherheit oder
Enttäuschung. Ich liess sie erst noch ein wenig aussen vor - und
zappeln. Dann erst holte ich sie quasi ab und streichelte sie. Diese
Zärtlichkeit soll sie spüren und milder stimmen. Was es dann auch
tat.
Ich erlebte die
Hündin später mal als verspieltes, unermüdliches Mini-Krokodil mit
meinem Rüden. Und als ausserordentlich faire Mitspielerin. Weil auch
die Besitzer-Familie ein sehr faires und harmonisches Miteinander
vorführten. Wie das Rudel, so das Einzeltier.
Das Abliegen bei
Entfernen des Hundehalters ist für Hunde eine harte Prüfung. Oder
das zeitweilige Alleinlassen zu Hause oder im Auto oder wo auch
immer. Das Entfernen aus dem Rudel wird nur auf Vertrauen basieren
können und für den Hund zu ertragen sein.
Wer ist Alpha- und wer ist
Leittier?
Was eigentlich
ein "Alpha" im Haushunderudel unter der wirklichen Führung eines
oder mehrere Menschen ist, habe ich schon im Absatz der
Rangordnungen erklärt. Vor allem das Missverständnis, dass ein
Haushund niemals "Alpha" sein darf.
Kategorisch: Die
Alpha-Position hat immer der Menschliche Rudelführer zu behalten.
Ein oberster Hund unter menschlicher Führung, wie eben alle unsere
Haushunde (Ausnahme eben: Wildcaniden), ist daher immer nur ein
Beta.
Und noch mal, für
die, die dies immer noch falsch predigen: Keine Rangfolge ist
festgeschrieben, sie kann sich verändern, der Unterste kann sich
nach oben kämpfen, der Höchste kann seine Rang verlieren. Es ist
immer nur ein Prozess, nie ein Dauerzustand.
Hier will ich
aber als Alpha wissen, welche: Rangfolge innerhalb des Rudels
herrscht, wer quasi mein Assistent ist und Führungseigenschaften
übernimmt. Das heisst noch nicht, dass er der einzige Alpha (der
Erste im Rudel) innerhalb des Rudels ist. Es kann sein, dass ein
oder zwei Hunde diese Frage eben passiv so lange unbeantwortet
lassen, bis sie sich durch Herausforderung stellen müssen.
Ein Leittier
managt das Rudel geschickt, ordnet innerbetrieblich, führt an gute
Plätze, zeigt dem Rudel Nahrungsquellen. Das sind meist die klügsten
Hündinnen. Sie übernehmen auch die Erziehung von Jungtieren, sie
ordnen auch das Rudel, wenn jemand zu aufdringlich wird.
Ein Alpha darf
das Rudel vor unerwünschten Eindringlingen verteidigen und die
Leithündin decken. Er, nicht immer der äusserlich körperlich
stärkste, aber der erfahrenste und klügste Rüde, muss sich auch
gegen Herausforderer-Rüden stellen.
Nicht zwangsläufig ist der Hund, der mir als Alpha (für die anderen,
nicht unbedingt für den, der dies noch nicht akzeptiert) nicht
sofort oder zögerlich folgt, der Omega (der letzte im Rudel). Es
kann ein Ranghoher im Rudel sein, der meine Rolle nur schwerlich
abgeben will, dies aber nicht in einen Rangordnungskampf austragen
will, weil er weiss, er wäre unterlegen.
Dies könnten
meist sehr selbstsichere, nicht auf Futtertrieb erpichte oder gar
konditionierte Hunde sein, vermutlich oft Herdenschutzhunde.
Es sind
hauptsächlich die körpersprachlichen, weniger die lautsprachlichen
Abläufe, die zu beobachten sind im inneren Verhältnis.
Die Sicherheit
der "Ausstrahlung", bekräftigt durch die Körperhaltung gegenüber
Herausforderungen und bestätigt durch Rangniedrigere, die lassen
eine Beurteilung zu. Und nicht eine von Menschen manipulierte
Situation.
Einigermassen
sozial aufgewachsene und aufgeweckte Hunde kann man nicht täuschen.
Sie lesen die ungeschickten Körpersprache des Menschen sehr gut. Sie
passen sich an, aus Überzeugung oder Angst.
Wer sich jedoch
nicht durchsetzen kann, und damit meine ich nun Menschen, die
Rudeltiere halten, wird nie Alpha. Er hat ein Rangordnungsproblem,
das er an sich selber lösen muss.
©Rainer
Brinks 2001